Einen störenden Hintergrund freistellen

Damit ein Fotomotiv gut wirkt sollte der Betrachter nicht vom Motiv abgelenkt werden. Ich meine damit den Hintergrund. Dieser sollte nicht unruhig wirken. Sonst kann man sich nur schwer auf das Motiv konzentrieren. Unbewusst irrt das Auge immer wieder weg vom eigentlichen Star, dem Motiv. Es gibt viele Wege um einen störenden Hintergrund zu beseitigen. Einige davon werde ich dir in diesem Artikel beschreiben.

Definition: Einen störenden Hintergrund vermeidest du am besten schon bei der Aufnahme: mit offener Blende, langer Brennweite, großem Abstand zwischen Motiv und Hintergrund und einem ruhigen Standpunkt. Alternativ helfen ein künstlicher Hintergrund oder Blitzlicht für einen schwarzen Hintergrund. Die Nachbearbeitung ist nur die letzte Lösung.

Kamera und Objektiv

  1. Blende öffnen. Eine offene Blende wie f/2,8 oder f/4 verringert die Schärfentiefe. Der Hintergrund verschwimmt stärker. Im Makrobereich reicht oft schon f/5,6, weil die Schärfentiefe dort ohnehin sehr gering ist.
  2. Längere Brennweite wählen. Ein Teleobjektiv oder Tele-Makro erfasst einen kleineren Ausschnitt des Hintergrunds. Er wirkt dadurch ruhiger und weicher. Bei gleichem Abbildungsmaßstab bleibt die Schärfentiefe zwar fast gleich, der Hintergrund sieht aber deutlich unschärfer aus.
  3. Näher ans Motiv gehen. Je größer der Abbildungsmaßstab, desto geringer die Schärfentiefe. Wer näher herangeht, stellt das Motiv automatisch stärker frei.
  4. Größerer Sensor. Bei gleichem Bildausschnitt und gleicher Blende hat ein Vollformatsensor weniger Schärfentiefe als APS-C oder Micro Four Thirds. Der Hintergrund wird dadurch leichter unscharf.
Spinnennetz mit Kreuzspinne
Spinnennetz mit Kreuzspinne

Ein Teleobjektiv erfasst nur einen kleinen Ausschnitt des Hintergrunds. Geht man damit in den Nahbereich, lässt sich ein Motiv sehr gut freistellen. Freistellen = Hintergrund verschwimmt unscharf. So entstand das Foto von der Kreuzspinne. Mit einem Sigma 5,6/400 mm und einer Nikon F100 (analog). Aufgenommen vom Dreibeinstativ. Durch die extreme Brennweite sind die Grashalme der Wiese alle vollkommen in Unschärfe aufgelöst.

Standort und Hintergrund

  1. Abstand zwischen Motiv und Hintergrund vergrößern. Das ist oft der wirkungsvollste Trick. Steht die Blüte einen Meter vor der Hecke statt zehn Zentimeter, verschwimmt die Hecke viel stärker.
  2. Standpunkt und Perspektive ändern. Schon ein kleiner Schritt zur Seite oder eine tiefere Kameraposition kann einen ruhigen Hintergrund bringen. Aus der Froschperspektive wird zum Beispiel der Himmel zum Hintergrund.
  3. Störende Elemente entfernen. Grashalme oder Äste vor und hinter dem Motiv vorsichtig zur Seite biegen. Helle Flecken im Hintergrund mit der Hand oder einem Karton abschatten.
  4. Künstlichen Hintergrund verwenden. Ein farbiger Karton, ein Stück Stoff oder ein ausgedrucktes unscharfes Naturfoto hinter dem Motiv sorgt für eine ruhige Fläche. Im Studio eignet sich eine Hohlkehle aus Fotokarton, wie bei meinen Kakteenblüten.
  5. Farbe gezielt einsetzen. Ein Hintergrund in einer Komplementärfarbe oder in einem ruhigen, gleichmäßigen Ton hebt das Motiv ab. Eine rote Blüte vor grünem Laub wirkt zum Beispiel besonders kräftig.

Am einfachsten ist das im Fotostudio realisierbar. Einfach einen einfarbigen Hintergrund auswählen und hinter dem Motiv aufstellen oder befestigen. So zum Beispiel bei diesem Motiv:

Rote Johannisbeeren
Rote Johannisbeeren

Die roten Johannisbeeren sind auf einer Gabel drapiert worden. Als Hintergrund diente ein transparenter weißer Reflektor vor einem Nordfenster. Gegenlicht. Aufgehellt wurde die Gabel und die Beeren mit zwei Spiegeln. Aufgenommen wurde mit einem 2,8/105er Nikon-Makro-Objektiv. Blende 16. Belichtungszeit 0,5 Sekunden. Aufgenommen vom Stativ mit Spiegelvorauslösung mit einer Nikon D610.

Licht

  1. Motiv anblitzen, Hintergrund dunkel lassen. Ein Blitz nahe am Motiv mit kurzer Belichtungszeit lässt einen weit entfernten Hintergrund dunkel bis schwarz werden. Das Licht nimmt mit dem Abstand stark ab.
  2. Motiv ins Licht, Hintergrund in den Schatten. Steht das Motiv in der Sonne und der Hintergrund im Schatten, wird der Hintergrund durch die richtige Belichtung des Motivs automatisch dunkel.
  3. Hintergrund aufhellen (High Key). Ein hell beleuchteter oder weißer Hintergrund, etwa durch Gegenlicht oder einen zweiten Blitz, lässt das Motiv vor einer fast weißen Fläche stehen.
Alte Zinnfigur auf schwarzer Acrylplatte Fuji X-T2 + XF 35mm
Alte Zinnfigur auf schwarzer Acrylplatte Fuji X-T2 + XF 35mm

Nahaufnahme einer alten Zinnfigur eines Radfahrers. Aufgenommen mit Fuji X-T2 und XF 35mm im Fotostudio. ISO200, 1/125 sec. Blende 5,6. Eine schwarz Acrylplatte mit einem Studioblitz indirekt beleuchtet, damit es einen Schatten der Zinnfigur gibt.

Rot blühende Lobivia densispina
Rot blühende Lobivia densispina

Ein rot blühender Kaktus. Ein weißer Fotokarton wurde zu einer Hohlkehle geformt. Der Kaktus wurde darauf gestellt. Im Hintergrund sieht man den weißen Fotokarton. Mit einer Studioblitzleuchte wurde über die weiße Zimmerdecke indirekt ausgeleuchtet. Mit einem zweiten Blitz wurde der weiße Hintergrund überbelichtet. Aufgenommen mit einem Nikon 2,8/60 mm Makro-Objektiv und einer Nikon D300. Bei dieser einfachen Methode kann auch jeder andere farbige Fotohintergrund verwendet werden.

Statt einem Studioblitzgerät ist auch ein herkömmlicher Elektronenblitz möglich. Wichtig ist, dass man indirekt blitzt. So entsteht ein weiches Licht. Keine harten Schatten. Wer keine weiße Zimmerdecke hat, nimmt einen weißen Fotokarton oder eine weiße Styroporplatte.

Kreative Techniken

  1. Durch den Vordergrund fotografieren. Wer durch nahe Blüten oder Gräser hindurch fotografiert, legt einen weichen Farbschleier ins Bild. Das Motiv wirkt eingebettet und hebt sich trotzdem ab.
  2. Doppelbelichtung. Eine scharfe und eine unscharfe Aufnahme übereinander ergeben einen weichen, träumerischen Look. Diese Technik zeige ich bei meiner Strelitzie in der Blumen-Galerie.
  3. Selektive Schärfe mit Spezialobjektiven. Tilt-Objektive oder Effektobjektive wie Lensbaby legen die Schärfe nur auf einen kleinen Bildbereich. Der Rest verschwimmt.
  4. Focus Stacking gezielt begrenzen. Beim Focus Stacking nur das Motiv scharf zusammensetzen und den Hintergrund bewusst unscharf lassen. So bekommst du ein durchgehend scharfes Motiv vor einem weichen Hintergrund.

Nachbearbeitung

  1. Hintergrund in der Bildbearbeitung abdunkeln, weichzeichnen, entsättigen oder per KI entfernen oder austauschen.
    Programme wie Lightroom oder Photoshop erkennen Motive inzwischen automatisch per Maske. Das ersetzt aber keine gute Freistellung bei der Aufnahme, weil künstliche Unschärfe an den Rändern oft unnatürlich aussieht. Bei Naturfoto-Wettbewerben ist das Austauschen des Hintergrunds meist nicht erlaubt.

Als Hintergrund kann man viele Gegenstände einsetzen. Fensterrollos, Fotokartons, Styroporplatten … einfach kreativ sein und die nächste Makroaufnahme gezielt planen.

Häufige Fragen und Antworten zu Hintergrund freistellen in der Makrofotografie

Was bedeutet Freistellen in der Makrofotografie?

Freistellen heißt, das Motiv deutlich vom Hintergrund abzuheben. Meist geschieht das durch Unschärfe: Das Motiv ist scharf, der Hintergrund verschwimmt zu weichen Farbflächen. Freistellen geht aber auch über Licht, Farbe oder einen künstlichen Hintergrund. Ziel ist immer, dass der Blick des Betrachters sofort auf dem Motiv landet.

Welche Blende ist zum Freistellen am besten?

Eine offene Blende macht den Hintergrund unschärfer, verringert aber auch die Schärfentiefe am Motiv. Im Makrobereich ist f/4 bis f/5,6 oft ein guter Kompromiss. Kontrolliere das Ergebnis mit der Abblendtaste oder in der Vorschau auf dem Display. Ist das Motiv nicht ausreichend scharf, blende leicht ab oder nutze Focus Stacking.

Warum ist der Abstand zum Hintergrund so wichtig?

Je weiter der Hintergrund vom Motiv entfernt ist, desto unschärfer wird er. Das wirkt oft stärker als jede Blendeneinstellung. Eine Blüte mit einem Meter Abstand zur Hecke lässt sich viel leichter freistellen als eine Blüte direkt davor. Suche deshalb gezielt Motive, die frei stehen, oder ändere deinen Standpunkt.

Wie bekomme ich einen schwarzen Hintergrund?

Blitze das Motiv aus kurzer Entfernung an und wähle eine kurze Belichtungszeit, eine niedrige ISO und eine mittlere Blende. Das Blitzlicht reicht nur bis zum Motiv, der weit entfernte Hintergrund bleibt dunkel. Am besten funktioniert das, wenn hinter dem Motiv viel Abstand ist. Ein Diffusor sorgt für weiches Licht am Motiv.

Wie bekomme ich einen weißen Hintergrund?

Stell das Motiv vor einen weißen Karton oder in ein Lichtzelt und beleuchte den Hintergrund heller als das Motiv. Im Studio eignet sich eine Hohlkehle aus Fotokarton mit einem zweiten Blitz oder einer LED-Leuchte dahinter. Belichte etwas reichlicher, damit der Hintergrund rein weiß wird und nicht grau.

Welche Brennweite eignet sich zum Freistellen?

Längere Brennweiten wie 150 bis 200 Millimeter erfassen einen kleineren Ausschnitt des Hintergrunds. Er wirkt dadurch ruhiger und weicher. Bei gleichem Abbildungsmaßstab und gleicher Blende ist die Schärfentiefe zwar fast gleich, der Hintergrund sieht aber deutlich unschärfer aus. Auch ein Telezoom mit Vorsatzachromat eignet sich gut.

Was mache ich gegen helle Flecken im Hintergrund?

Helle Flecken entstehen meist durch Sonnenlicht, das durch Blätter fällt. Ändere deinen Standpunkt leicht, bis der Hintergrund gleichmäßiger wird. Du kannst störende Stellen auch mit der Hand oder einem Karton abschatten. Oft hilft schon ein bewölkter Himmel oder ein anderer Zeitpunkt, an dem das Licht gleichmäßiger fällt.

Weiterführende Informationen über die Makrofotografie

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